Auf der Suche nach dem verlorenen Selbst

Teil 1

Rosenmontags-Züge

 

Hallo Leute, noch stehe ich ganz im Bann des denkwürdigen Ereignisses, das sich gestern abend, am 26.02.2017, am Vorabend des Rosenmontags also, bei uns in den Katakomben des Vereins der Film-, Münzen- und Schachfreunde Laurel-and-Hardy-Krüger-Rand-Springer Somborn 64 im Niemandsland zwischen Bochum und Dortmund zugetragen hat. Aber ich greife vor ...  

- (Und ich grätsche als Herausgeber dieses Textes mal kurz dazwischen: Mit „Invasion bei Karstadt“ hat mein alter Kumpel Theodor B., der Erzähler der nachfolgenden Geschichte und seines Zeichens Kassenwart bei Somborn 64, bereits sein Fabuliertalent bewiesen. Ich nenne es bewußt fabulieren, denn Recherchen meinerseits bei der Karstadt-Filiale in Düsseldorf haben für Dezember 2014 keinerlei Anhaltspunkte für eine tatsächlich erfolgte Ausplünderung der dortigen Früchtequark-Vorräte im großen Stil ergeben, wie uns Theodor damals weismachen wollte. Die jetzige Geschichte scheint mir noch weiter von der Realität entfernt zu sein, so dass ich zwar beschlossen habe, sie Wort für Wort unserer Randspringer-Rubrik zur Verfügung zu stellen, aber übermorgen – am Aschermittwoch also – einen einordnenden Kommentar in einem Anhang zu dieser Geschichte folgen zu lassen. (Richard Yéti) 

– Ich verbitte mir diesen Verweis von „Invasion bei Karstadt“  ins Reich der Fabel, die Firmenleitung leugnet doch nur aus Geschäftsinteresse, hab ich doch alles schon ... Aber bist du jetzt fertig, Richard? Darf ich jetzt vielleicht mal weitererzählen ?? 

– Aber gerne, Theodor, nur zu! 

– Verbindlichsten Dank auch, lieber Richard! (Rest-Lesezeit übrigens ca. 45 min) 

 Also: Wahrlich denkwürdig, was ... aber der Reihe nach: Vor etwa drei Wochen ging bei unserem Vereins-Präsidenten eine seltsame, jedoch noch harmlos anmutende Email-Anfrage ein, von einem Gustave Gris aus Fontainebleau, nie gehört von ihm. Er würde gerne am Vorabend des Rosenmontags einen kleinen Vortrag philosophisch-schachlicher Natur halten mit anschließendem Blitzturnier. Die Turnierteilnehmer – genau 48 an der Zahl - würde allerdings er selbst aussuchen und mitbringen. Unsere Vereinsräume habe er in die engste Wahl genommen, da sie günstig gelegen seien, dies näher zu begründen, würde aber zu weit führen usw. Sein Vortrag bzw. die Frage-Antwort-Debatte, die er im Sinne habe, solle mit einem Voice-Recorder aufgezeichnet werden, Bildaufnahmen seien nicht erlaubt. Außer ihm, dem Vortragenden und den 48 Ausgewählten, seien nur zwei weitere Anwesende zugelassen, der Hausmeister und ich, der Kassenwart. Unser Präsident war zwar verwundert ob dieser doch recht ominösen Anfrage, nach drei Tagen Bedenkzeit und Beratung im Vorstand sagte er schließlich zu. Es hatte sich ein wenig Langeweile in den gewohnten Ablauf unserer Spielabende eingeschlichen und er hoffte, mit solch einem kleinen „Happening“ – wie er, der Alt-68iger, das kommende Ereignis im Vorfeld gedanklich einordnete – ein wenig Schwung ins Vereinsleben zu bringen, jedenfalls dadurch, daß man im Nachgang auf der eigenen Homepage darüber berichten konnte. 

 18 Tage vergingen, der - gestrige - Faschingssonntag brach an. Als es Abend wurde, waren in unserem Gewölbekeller alle Vorkehrungen getroffen worden, die der sonderbare Gastredner sich ausbedungen hatte, Mikrofon, Tonanlage und kleine Lautsprecher in allen Räumen, auf den Tischen große Kerzenleuchter und reichlich Biervorräte. Nach und nach trudelten die einbestellten 48 Zuhörer und späteren Teilnehmer des Blitzturnieres ein, die sich überwiegend nicht zu kennen schienen. Nur ganz vereinzelt gab es kurzes Wiedererkennungs- und Begrüßungsgetuschel, Auswahlkriterien ließen sich nicht erkennen. Tief im Lüftungsschacht heulten immer wieder Ausläufer kleinerer Windböen von draußen, die die Kerzen auf den alten rustikalen Holztischen in unserem Gewölbekeller zum Flackern brachten – und damit eine Atmosphäre schufen, die auch dem guten alten E.T.A. Hoffmann gefallen hätte. 


Gegen 21.45 Uhr Schritte auf der Treppe herunter zu uns, eine schlanke hochgewachsene Gestalt trat herein, das Gesicht war verdeckt mit einer Karnevalsmaske, deren Züge eindeutig als die Helmut Schmidts, des früheren Kanzlers, zu erkennen waren. Auf dem Kopf trug er einen schwarzen Doktorhut.  (Ab hier folgt die wörtliche Abschrift der Voice-Recorder-Tonaufnahme, heute morgen um 9.00 Uhr in einem Dortmunder Schreibbüro abgehört und zu Papier gebracht. – An einigen Stellen habe ich, Theodor, - als Augen- und Ohrenzeuge - kurze Handlungsbeschreibungen zum besseren Verständnis nachträglich eingefügt).


Während des Vortrages kommen immer wieder Fragen und Zwischenrufe von verschiedenen Zuhörern.  

 


Mit dem Touchdown zum Doktorhut:

Zur Symbolik des Schachspiels 


Liebe Schachfreunde, willkommen zu meinem heutigen Vortrag über Symbolik und Bedeutung im Schachspiel mit anschließendem Blitzturnier! Ich schlage vor, daß wir uns der Einfachheit halber alle duzen, obwohl wir uns fast alle untereinander unbekannt sind. Ich selber komme nicht aus der Region hier, habe mich aber ein bißchen mit ihr vertraut gemacht und hier und da Lokalkolorit eingefügt in meine Ausführungen.  48 handverlesene Zuhörer zähle ich, vier mal zwölf also,  die Vier für die vier Ecken unseres Spielgerätes und die Zwölf ... das hat so was Neutestamentliches, Jesus spricht zu den zwölf Jüngern in Gleichnissen, ihr wißt schon, soll mir heute recht sein. Wichtig ist: das was gleich kommt, ist schwere Kost, es geht um letzte Dinge, die kleinen grauen Zellen bekommen gut zu tun – und: wir bewegen uns abseits des Alltäglichen, man könnte ruhig  ein oder zwei Bierchen intus haben, die meisten haben schon vorgelegt, gut so ... 

Was is mit Ihnen, äh mit dir, warum siehst du so komisch .... 

Ja genau, ich vergaß: Also der Hut ist Programm, dazu später mehr, ich verweise nur schon mal auf den Spruch des guten Vlastimil H. „Derr Bauerr prromovierrt, Helmut, ja, das iist so!“ ihr erinnert euch. Ja und die Helmut-Schmidt-Maske: Das war die Bedingung dafür, daß ich hier drinnen rauchen darf, hab extra heute morgen bei Barbara Steffens angerufen, unserer Gesundheitsministerin, wegen ner Ausnahmegenehmigung, weil der Vortrag dauert länger als meine nikotinfreien Intervalle und dann kann ich zwischendurch mal ziehen ... 

Dann fang doch schon an! 

Gut. „Symbolik im Schach“ ist also das Thema und da seh ich die Hälfte von euch schon abwinken und den Satz murmeln: „Komm, geh mir wech mit die Symbolik!“ Und dann antworte ich: Ach ja? Wollt ihr mir etwa sagen, ihr spielt um dieses Klötzchen hier, wenn ihr euch ans Brett setzt?? (Holt einen handelsüblichen weißen König aus Plastik aus der Hosentasche und hält ihn ins Licht), um dieses Teil hier aus Plastik oder auch Holz? Sieht doch einer aus wie der andere und vor dem ersten Zug würdigt ihr ihn kaum eines Blickes, rückt ihn höchstens mal zurecht, wenn er schlampig aufgestellt wurde. Und wenn ihr dann vielleicht gewinnt, steckt ihr ihn dann in die Tasche und nehmt ihn mit nach Hause? Das erlauben die Regeln schon mal nicht, wird aber auch höchstens die von euch interesssieren, die in Hotels Handtücher und verpackte Zuckerwürfel abgreifen ... Also: Dieser weiße König hier und genauso sein Kollege (zieht aus der anderen Hosentasche einen schwarzen König hervor), die sind euch als Objekt so was von egal, es sei denn wir stellten zu Weihnachten mal welche auf als eßbaren Knickebein, außen Schoko, innen Obstler, der Partiesieger darf den vom Gegner sofort köpfen, wär vielleicht noch mal nen Anreiz, das der eine oder andere von euch Schnarchsäcken besser spielt ...  

Na hören Sie ... na hör mal! 

Ich sag ja nur, schon gut. Also, was jetzt, denkt mal selber nach: Das Stück Holz oder Plastik ist euch wurscht. Trotzdem geht für uns alle erstmal eine kleine Welt unter, wenn der Gegner  uns den König abluchst, also warum, wofür steht er? (blickt erwartungsvoll in die Runde) 

Mann, du kannst aber auch fragen, der König steht für... er steht, äh ...  

Wenn  d u  nen ganzen Abend nen Durchhänger hast, wenn d i r Sonntagnachmittag jemand das edle Teil  abspenstig gemacht hat, den König mein ich ... und natürlich nur „symbolisch“, da haben wir das Zauberwort!, weil du hast ja vorher aufgegeben ... wofür  .... Mensch, Leute, ich komm mir bald vor wie Sokrates, der den Sklaven den Satz des Pythagoras nur durch gezielte Fragen selbst entdecken ... da war der Sklave aber mehr auf Draht als ihr ...  

Vielleicht war  d e r  Sklave ja ein erbeuteter Mathe-Lehrer aus Kleinasien und wußte deshalb ....  

Du hast auch auf alles ne Antwort, was?  Genug jetzt: Wenn es  m i c h  runterzieht, wenn   m e i  n  König als erster ins Seiten-Aus wandert, dann ist er ein Stellvertreter, ein Platzhalter und damit ein Symbol für ... ? Muß ich erst noch den Spiegel zitieren! Also:„Generell hast du das Gefühl, was auf dem Brett passiert, passiert auch mit dir. Wenn du verlierst, meinst du, du selbst wirst auseinandergerissen, nicht nur deine Figuren". Viswanathan Anand im  „Spiegel“ vom 07.11.2013. Na? 

Ein Symbol für D i c h ? 

Na endlich, für dich und mich, für den Spieler selbst eben, für sein Ego! Letztlich ist es dasselbe wie beim Boxen – erstaunliche Parallelen gibt es da übrigens, aber dazu später vielleicht mehr – nur dass die Rückkoppelung nicht so direkt ist, beim Schach gibt es ne bloße Zahlenveränderung ... 1 oder 0, mehr nicht, beim Boxen dagegen merkst du direkt, das d u gemeint bist, wenn du auf die Bretter krachst ...  Sinnliches Erleben nennt man das!  Genau, und das Ganze ist kein bißchen abstrakt ... das Schachspiel also als geistiger Kampf Mann gegen Mann, überwiegend jedenfalls noch, ein Kampf seit ewigen Urzeiten ... denkt doch mal nach Leute, wieviel Steinzeit noch in uns steckt ... Hier, hört euch das mal an:


Exkurs Urhorde:   (gelesen von Martin Semmelrogge, als Audio-Einspieler über die Tonanlage) 


Warum tritt ein vernünftiger Mensch einem Verein bei? Um Gleichgesinnte für ein gemeinsames Hobby zu treffen, sicher richtig. Bestimmt aber auch um irgendetwas anzugehören, was größer ist als man selbst. Ein Verein bleibt bestehen unabhängig, ob man als Einzelner eintritt oder wieder austritt. Guckt euch Euren BVB an, da ist kein Grashalm im Stadion mehr derselbe wie vor dreissig Jahren, von Trainer, Vorstand und Spielern ganz zu schweigen. Trotzdem sprecht ihr noch von eurem BVB als wär´s genau derselbe Verein wie in eurer Kindheit. Bei den US-Marines ist dieses Prinzip des größeren Ganzen auf die Spitze getrieben: “Viele von Euch werden aus der nächsten Schlacht nicht wiederkommen, das Marinecorps aber bleibt bestehen in Ewigkeit!“ Ein schöner Trost, aber manche sind´s zufrieden, so scheint es. Gehört man zwei Vereinen an, muß man Prioritäten bilden. „Ersss  ko-kommt der BVB unn dann der FFSSSV“ hat man schon mal in einer Schachvereinstoilette jemand säuseln hören. 


Und warum wird Schach, das Spiel Eins gegen Eins,  „Mann gegen Mann“ eigentlich auch als Mannschaftskampf gespielt? Die Antwort liegt vielleicht in der Frühgeschichte des Menschen: Kleine Gruppen, die Urhorden, irrten im Regenwald umher, der Mensch wußte noch nicht viel von sich und seinesgleichen, nur das eine Gruppe von vielleicht etwa acht Personen praktisch war bei der arbeitsteiligen Jagd des Wildes – und beim Kampf gegen die Jungs vom Nachbar-Kral fünf Kilometer weiter, denn die dachten genauso und wenn man sich beim Jagen oder Pilzesammeln mal in die Quere, in die jeweils anderen Jagdgründe kam, konnte die Angelegenheit gleich vor Ort geklärt werden, mit einer Aufstellung wie die Orgelpfeifen vielleicht oder wie die Daltons, jeder hatte seinen speziellen Gegner - nur heute geht die Aufstellung nach DWZ.


Der Verein also wie eine Sippe im Urwald, mit der Vereinsmeisterschaft tragt ihr eure Rangordnungskämpfe im „Rudel“ aus und bei euren Mannschaftskämpfen schickt ihr Achterteams aus, um dem Nachbarclan hinter dem nächsten Hügel eins auf die Glocke zu hauen, alles zivilisiert natürlich, um die besten Jagdreviere geht´s ja nicht mehr heutzutage, wo an fast jeder Ecke ein Aldi oder Rewe täglich 12 Stunden auf hat ...  Überlegt doch mal: Eigentlich könnt es euch doch egal sein, ob Marl Drei oder Ickern Achtundzwanzig besser sind als ihr, aber dieser Drang zu Revierkämpfen, der sitzt wohl in euren Genen ... Und wenn man dann noch im „Revier“ wohnt, wie ihr, dann erst recht, oder?! Ich sag euch mal was: Es ist schon Jahre her, da las ich im Netz folgendes, hatte irgendein Schachfreund in nem Forum getextet, nach nem Mannschaftskampf vermutlich: „Wir haben Kirchhellen geschlachet“ schrieb er, nicht nur wörtlich übrigens, sondern von mir sogar buchstäblich korrekt zitiert. Aussagekräftige vier Worte finde ich, Steinzeitrituale, ja Kannibalismustendenzen klingen da an, Fred Feuerstein und Armin Mewes lassen grüßen ... immerhin habt ihr regeltechnisch seitdem dazugelernt: Wenn ihr gewonnen habt, dann stellt ihr bloß euren König in die Brettmitte. Herz, Leber und Nieren des Gegners bleiben unverspeist, würde auch sonst mittelfristig zu personellen Engpässen führen im deutschen Schachbund ...


Wir wissen nicht, ob nach der Begegnung im Regenwald auch ein Spielbericht an einen Staffelleiter per Buschtrommel durchgegeben wurde, der dann eine Tabelle ... apropo Tabelle: Ist es nicht erstaunlich, daß bei einem Schachturnier dem Spieler, der Mannschaft mit den meisten Punkten, der höchsten DWZ immer die niedrigste Ordnungsziffer zugewiesen wird (Platz 1: 12 Punkte, Platz 2: 10 Punkte usw.)?  Die meisten Spieler nehmen – während sie auf die an die Wand gebeamte Tabelle starren – diese sonderbare Gegenläufigkeit klaglos und vor allem gleichgültig hin – erklärt wird sie hier aber trotzdem: Der Erste ist nicht etwa der Geringste (so wie die Lichtgestalt Franz B. mutmaßlich ja auch nicht „der Geringste in diesem Spiel“, der DFB-Korruptionsaffäre, ist, wie sein Double Schorsch Aigner alias Olli Dittrich behauptet, aber das nur nebenbei), der Erste ist also nicht der Geringste, sondern der Erste der Gruppe, der ein Zugriffsrecht ausüben darf – auf das saftigste Stück Fleisch der Jagdbeute in der Urhorde, den interessantesten Schachbuchpreis nach einem Turnier oder in der Feudalzeit der Fürst (the first!) das vorgebliche Recht der ersten Nacht, der jus primae noctis, bezüglich der Frauen von frischvermählten Untertanen. Prima, daß es so was gibt! wird er sich gesagt haben  - und vielleicht verwenden wir gerade deswegen heute noch die weibliche Form, eben „Prima“, wenn wir irgendwas gut finden. Weitere Assoziationen zur Sprache der Jugend („voll geil“) drängen sich in diesem unseren Zusammenhang auf, aber das wollen wir hier nicht vertiefen. Und in dem Wort Prima oder Primus steckt noch ein weiterer Adelstitel, von der heutigen Regenbogenpresse hochgeschätzt: der Prinz, der erste Anwärter auf den Königsthron, der Thronfolger also, dessen österreichische Ausgabe zum Beispiel im vermasselten Sommermärchen von 1914 bekanntlich von einem serbischen Widerstandskämpfer in Sarajewo getötet wurde.  Ein einziger Pistolenschuß genügte, um den „pathologisch schießwütigen“ Prinzen und Jäger Franz Ferdinand  („Lebensleistung“: 274.889 „Stück“ Wild, „Tagesrekord“ im Juni 1908: 2763 Lachmöwen,  hahahaha!) aus anderthalb Metern Entfernung waidgerecht zu erlegen. Und der Auslöser (wohl nicht der Verursacher), der  e r s t e  Funke am Pulverfaß der europäischen Vor-Weltkrieg-1-Lage hieß: Gavrilo Princip! Ein Prinz fiel einem Attentäter namens Princip zum Opfer. Damit genug der Prinzipienreiterei, wobei abschließend erwähnt werden soll, daß sich das Wort Prinzip vom lateinischen „primum capere“, „das Erste (oder den Ersten!) nehmen“, ableitet.

Ende des Einspielers


Okay, haben wir alle jetzt verstanden, glaub ich: im Schach kämpfen wir nicht um das Stück Holz oder Plastik namens König, sondern für uns, unser Ego - als Einzelwesen oder für unsere Kleingruppe. Rückt ein bißchen vom Konkret-Figürlichen ab, aber is jezz auch wieder nich soooo symbolisch ... War´s das denn jetzt? Wann geht´s denn endlich zum Thema: „Mit dem Startup zum Fingerhut“ oder wie hieß das noch gleich, sachtest du? 

„Mit dem Touchdown zum Doktorhut“ meinst du. Ich will ja niemand erschrecken, aber wenn ich sagen würde, ich müßte ein bißchen weiter ausholen, würde aber nicht bei Adam und Eva anfangen, so wäre das nur ein scheinbarer Trost. 

Was? 

Ich muß  v o r  Adam und Eva anfangen, beim Urknall, der Entstehung des Universums ... Vorab aber noch eine weitere Deutung des Schachs, die über die bisherige, den Kampf zweier Egos, hinausgeht: Seit gut hundert Jahren gibt es die Psychoanalyse, hat Sigmund Freud mutmaßlich etwas Licht in die Abgründe unserer Psyche gebracht und das Unbewußte „entdeckt“.  Sein ehemals liebster Schüler, Carl Gustav Jung, distanzierte sich später von ihm und nannte das Unbewußte den „Schatten“, ich muß an dieser Stelle natürlich extrem vereinfachen. Beide setzten in der Definition des Inhaltes von verdrängtem Unbewußten einerseits und dem „Schatten“ andererseits unterschiedliche Schwerpunkte, in beiden Fällen besteht aber die Gemeinsamkeit darin, daß die jeweiligen Inhalte dem Alltagsbewußtsein unerwünscht sind und deshalb vom „Arbeitsspeicher“ des jeweiligen Menschen möglichst ferngehalten werden. Ich möchte hier C.G.Jung´s Begriff des Schatten verwenden, weil er grade angesichts der schachlichen Optik ziemlich augenfällig ist .... 

Häh? 

 ... wenn man erst einmal den Blick dafür geschärft hat. Wie sagte doch Magnus Carlsen unlängst: Beim Schach geht es darum, Muster zu erkennen. Und wenn es beim Schachspiel selbst darum geht, dann muß beim Reden über die Bedeutung des Schachs, auf der Meta-Ebene also ... 

Meta hieß meine Urgroßtante!  

Schön, muß ich den Gag nicht mehr selber bringen ... kann und muß auf der Meta-Ebene die Mustererkennung ebenfalls hilfreich sein. 

Aber nur wenn auch welche da sind, Muster mein ich ... und man nich nur welche reingeheimnissen tut, weil´s einem in den Kram paßt! 

Sehr richtig, der Gefahr ist man immer ausgesetzt, man muß eben gucken, was ist plausibel ...Also zurück zur „schachlichen Optik“: Wenn nach Jung „der Schatten“ eines Menschen die Summe seiner ihm selbst unangenehmen Charaktereigenschaften ist, seine Neigung zu Boshaftigkeit und Intrigenspiel, seine gesellschaftlich unerwünschten sexuellen und aggressiven Tendenzen, kurz alles „politisch Inkorrekte“ wie es neudeutsch heißt, was mit der nach außen aufgesetzten bürgerlichen Maske, der „Persona“, wie Jung es nennt, nicht im Einklang steht, dannn entspricht dieser „Schatten“ im Schachspiel, na wem?  

Äh ... weiß nicht ... ach so, klar: den Figuren des Gegners ?!  

Ganz genau! Führt man die weißen Steine, verkörpern die schwarzen Steine des Gegners den „Schatten“, offensichtlicher geht es kaum. Und so wie nach Jung diese politisch inkorrekten Bestrebungen durch Bewußtmachen in die eigene Psyche integriert werden müssen, zum Beispiel im Wege einer Psychoanalyse, so wird auf dem Brett die bestimmende zentrale Kraft des Gegners, der König, mattgesetzt, gefangengenommen, das heißt in die weiße Formation integriert, so daß er und seine ihn umgebende  Armee kein störendes ungebundenes Eigenleben mehr führen können. Der innerpsychische Kampf ist vorbei, auf dem Schachbrett herrscht Ruhe, Ziel- und Bewegungslosigkeit. Game isch over, würde Wolfgang Schäuble sagen! 

Boah! Is das nich alles nen bißchen weit hergeholt? 

Das mag so erscheinen. Ich sage aber immer: Etwas kann einem manchmal auch deshalb weit hergeholt erscheinen, weil man zu einem bestimmten Thema oder Standpunkt bisher gehörigen Abstand gehalten hat, versteht ihr? So was muß man erstmal sacken lassen, es muß vorsichtig verkostet und dann nach gründlicher Prüfung eventuell nach und nach verdaut werden. 

Der innere Schatten auffm Brett! Hömma, da mach ich lieber ne Kur und nehm mir da nen Kur-Schatten ... 

Kannst du gerne versuchen, Schachfreund XXX, aber glaub mir, die Kassen sind nicht mehr so spendabel wie früher zu deiner besten Zeit ...  

Na hör mal, bei mir is immer noch alles tadellos in ...

Schon gut.  – Zum Abschluß dazu noch zwei Punkte:
1. Die bildhafte Vorstellung kommt besser rüber, wenn man sich vorstellt, daß Weiß gewinnt und damit – in eurem Ruhri-Deutsch - den „schwatten Schatten“ gefangennimmt. Hat übrigens in den USA dem weißen KuKluxKlan die Sache einfacher gemacht, all ihre eigenen unedlen Gefühle und Gedanken auf die „Schwarzen“ zu projizieren, ihnen also unterzujubeln und dadurch einen vermeintlich guten Grund zu haben, die „bösen“ Schwarzen zu verfolgen. Kennt ihr sicher auch aus der Fußball-Bundesliga: Bestimmt hat 2007 Weiß-nich-mehr-wer von Eurem BVB den Schalker Gerald Asamoah tatsächlich mal mit „Du schwarzes Schwein!“ tituliert. Kommt aus dem Unbewußten, bei großem Streß funktionieren die Sprachfilter nicht mehr gut und ist letztlich weniger bös gemeint, als es klingt – eine Art verbales Revanche-Foul von mir aus. Doch auf der Pressekonferenz am nächsten Tag, mit den Logos der millionenschweren Sponsoren im Rücken, muß man natürlich politisch-korrekt dementieren oder abschwächen. – Aber: Natürlich kann auch der Führer der schwarzen Steine den weißen König nach demselben Prinzip gefangennehmen (wollen), soviel Abstraktionsvermögen sollten wir Schachspieler schon haben!
2. Was folgt  daraus, wenn wir Schachpartien spielen statt eine Psychoanalyse zu machen? Nun, wie hoch der tatsächliche Bedarf für therapeutische Behandlung gleich welcher Art zum Zwecke des eigenen besseren Kennenlernens ist, ist höchst umstritten. Die meisten von uns kommen auch ohne einigermaßen durchs Alltagsleben. Um bei Jung zu bleiben: Für ihn war mit der Integration des Schattens noch lange nicht Schluß, das Endziel war die Einswerdung mit dem wahren Selbst. Sollte er Recht haben, sollte an seinem Gedankengebäude etwas dran sein – ich referiere ja nur Standpunkte, ohne jemand was aufdrängen zu wollen - dann, ja dann spielen wir Schach zum einen wie bisher zum Spaß, aus Lust am Kräftemessen, zum anderen aber auch als symbolische Ersatzhandlung für eine möglicherweise nützliche psychische Weiterentwicklung. Provokant gesagt: Die beschwerliche Arbeit an unserer eigenen Psyche wird risikolos aufs Brett verlagert und das schafft Befriedigung, ein mit jeder Partie wieder auflebendes So-Tun-Als-Ob!  

Mann! Ich brauch mal ne Pause, mir brummt der Kopf ... 

Niemand verläßt den Raum!  Es wäre pädagogisch-didaktisch höchst unklug, jetzt meinen Gedankengang zu unterbrechen und Bölkstoff habt ihr wahrlich genug auf den Tischen ... 

Aber ich muß mal pinkeln ...  

Wer muß, der darf. Ich hab einen Lautsprecher über den Pissoirs anbringen lassen, so daß keines meiner Worte verloren ... 

Aber das isses doch gerade. Verstehst du nich, von deinen goldenen Worten brauch ich mal Pause! Wie lang geht denn dein Vortrag eigentlich noch?  

Das Blitzturnier beginnt pünktlich um 23.11 Uhr, um 23.00 Uhr werden die Paarungen für die erste Runde ausgerufen. 

Noch .......... Ich glaub´s nich! Und eine paffen muß ich auch! Du stehst ja da und qualmst eine nach der anderen unter deiner Helmut-Schmidt-Maske, kommst mir vor wie Herbert Knebel/Uwe Lyko als Schmidt in den „Mitternachtsspitzen“, hast die Weisheit anscheinend mit Löffeln gefressen ... Erzählst uns gleich, daß du damals zusammen mit deinem Freund Henry Kissinger auf dem Berg Sinai von Gott auf zwei Steintafeln die zehn Eröffnungsregeln empfangen hast!  

Henry Kissinger war nicht dabei, der hatte Grippe. Und was das Rauchen hier drin angeht: Wir konnten leider nur eine Helmut-Schmidt-Maske auftreiben und ich als der Vortragende muß mich eben am meisten konzentrieren, insofern ... Kann ich jetzt weitermachen?! Ich komme gleich zu der  Königsidee im indischen Tschaturanga, gehe aber vorab zurück zum Urknall, dem Entstehungszeitpunkt des Universums und arbeite mich von dort chronologisch vor ...  

Oh nein, das halt ich nich ...  

Bleibt dir nichts übrig! Hier erstmal nen weiterer Audioeinspieler zum Thema Urknall (Sprecher aller Stimmen und des Eingangstextes: Matze Knop) ... 

In diesem Moment sind auf der Tonaufzeichnung Schritte zu hören, man hört jemand die Treppe zum Keller herunterkommen. Unruhe, ein kleiner Tumult. Dann die Stimme von Gris:

Moment mal, wer sind Sie denn??

Ich soll, ich darf hier ein Gedicht vortragen!

Die Stimme des Hausmeisters: Oh ja, hatte ich vergessen ... Terminüberschneidung, sorry!

Also, ich muß doch sehr bitten, mitten in meinem Vortrag ...

Die Stimme des Kassenwartes: Tut mir leid (flüstert): Er ist der Schwager des Schwiegersohns des Besitzers der Sauerländer Brauerei, die unsere Schachkneipe beliefert, wir haben leider keine andere Wahl, fürchte ich ...

Also gut, junger Mann ... ihr Gedicht ist doch hoffentlich kurz ?

Na ja, so mittel.

Dann fangen Sie doch schon an!

Äh ja, also ...

24/7

 Wetterbericht für den Australian Twentyfour-Seven-Weather-Channel


Die Sonne lacht am Firmament

Der Dingo nach dem Jagen pennt

Wärmt sich den Pelz und kriegt Schluckauf

Doch dann kommt schweres Wetter auf:

Der Bäume Äste sich verbiegen

Die Blätter durch die Gegend fliegen

Es gießt in Strömen, stürmt und blitzt

Der Dingo starr im Bau nur sitzt

Es schüttet, donnert, heult und kracht

Bis Petrus ruft: Es ist vollbracht

Allmählich wird es wieder heiter

Der Sturm ebbt ab, das Tief zieht weiter

.Die Sonne lacht am Firmament

Der Dingo mach dem Jagen pennt

Wärmt sich den Pelz und kriegt Schluckauf

Doch dann kommt schweres Wetter auf:

Der Bäume Äste sich verbiegen

Die Blätter durch die Gegend fliegen

Es gießt in Strömen, stürmt und blitzt

Der Dingo starr im Bau nur sitzt

Es schüttet, donnert, heult und kracht

Bis Petrus ruft: Es ist vollbracht

Allmählich wird es wieder heiter

Der Sturm ebbt ab, das Tief zieht weiter

.Die Sonne lacht am Firmament

Der Dingo nach dem Jagen pennt

Wärmt sich den Pelz und kriegt Schluckauf

Doch dann kommt schweres Wetter auf:


Ähem.


Der Bäume Äste sich verbiegen

Die Blätter durch die Gegend fliegen

Es gießt in Strömen, stürmt und blitzt

Der Dingo starr im Bau nur sitzt

Es schüttet, donnert, heult und kracht

Bis Petrus ruft: Es ist vollbracht

Allmählich wird es wieder heiter

Der Sturm ebbt ab, das Tief zieht weiter

Die Sonne lacht am Firmament

Der Dingo nach dem Jagen pennt

Wärmt sich den Pelz und kriegt Schluckauf

Doch dann kommt schweres Wetter auf:

Der Bäume Äste sich verbiegen

Die Blätter durch die Gegend fliegen

Es gießt in Strömen, stürmt und blitzt

Der Dingo starr im Bau nur sitzt

Es schüttet, donnert, heult und kracht

Bis Petrus ruft: Es ist vollbracht

Allmählich wird es wieder heiter

Der Sturm ebbt ab, das Tief zieht weiter.


Ähähem.


Die Sonne lacht am Firmament

Der Dingo nach dem Jagen pennt

Wärmt sich den Pelz und kriegt Schluckauf

Doch dann kommt schweres Wetter auf:

Der Bäume Äste sich verbiegen

Die Blätter durch die Gegend fliegen

Es gießt in Strömen, stürmt und blitzt

Der Dingo starr im Bau nur sitzt

Es schüttet, donnert, heult und kracht

Bis Petrus ruft: Es ist vollbracht

Allmählich wird es wieder heiter

Der Sturm ebbt ab, das Tief zieht weiter.

Die Sonne lacht am Firmament

Der Dingo nach dem Jagen pennt

Wärmt sich den Pelz und kriegt Schluckauf

 

Ähähem, ich auch gleich ...


Doch dann kommt schweres Wetter auf:

Der Bäume Äste sich verbiegen

Die Blätter durch die Gegend fliegen

Es gießt in Strömen, stürmt und blitzt

Der Dingo starr im Bau nur sitzt

Es schüttet, donnert, heult und kracht

Bis Petrus ruft: Es ist vollbracht

Allmählich wird es wieder heiter

Der Sturm ebbt ab, das Tief zieht weiter.

Die Sonne lacht am Firmament

Der Dingo nach dem Jagen pennt

Wärmt sich den Pelz und kriegt Schluckauf

Doch dann kommt schweres Wetter auf:

Der Bäume Äste sich verbiegen

Die Blätter durch die Gegend fliegen

Es gießt in Strömen, stürmt und blitzt

Der Dingo starr im Bau nur sitzt

Es schüttet, donnert, heult und kracht

Bis Petrus ruft: Es ist vollbracht

Allmählich wird es wieder heiter

Der Sturm ebbt ab, das Tief zieht weiter

.Die Sonne lacht am Firmament

Der Dingo nach dem Jagen pennt

Wärmt sich den Pelz und kriegt Schluckauf

Doch dann kommt schweres Wetter auf:

Der Bäume Äste sich verbiegen

Die Blätter durch die Gegend fliegen

Es gießt in Strömen, stürmt und blitzt

Der Dingo starr im Bau nur sitzt

Es schüttet, donnert, heult und kracht

Bis Petrus ruft: Es ist vollbracht


Eben, eben ... vollbracht! Hallo, geht´s noch?? Wie lange, wieviel Seiten ...


Augenblick: 4 hab ich schon ... 5, 6 ... äh, noch 396.


Wie bitte??? Sie sind ja ... Junger Mann, „noch 396“ Seiten sagen Sie und haben dabei allenfalls 2 – in Worten: zwei! - Seiten, nämlich ein einziges Blatt in den Händen, ein einziges Blatt, welches Sie während Ihrer Deklamation immer wieder wenden und wenden –„Deklamation“ sagte ich, dabei lesen sie ja bloß alles ab, zu meiner Zeit mußten wir Gedichte noch auswendig vortragen (und wenn ich sage „zu meiner Zeit mußten“, dann weiß ich sehr wohl, vor welche Herausforderung damit wiederum die Dame morgen früh im Schreibbüro gestellt ist, die so freundlich sein wird, diese Tonaufzeichnung zu Papier oder zu PC zu bringen: Geht sie lustlos und mechanisch vor und zieht einfach ihren Neue-Rechtschreibungs-Streifen runter, dann wird sie „mussten“ schreiben, anstatt auf das Alter meiner Stimme zu achten und festzustellen, dass „zu meiner Zeit“ vor der letzten Rechtschreibreform war, wo die Leute noch „mußten“, auch wenn Sie „mal mußten“, damals, als das „ß“ noch nicht de facto geschaßt worden war, ein stimmloser alveolo-palataler Frikativ übrigens, das „sz“ – oder wird diese junge Dame noch eigenständig und situationsangepaßt schreiben wollen und können(!) und deshalb „zu meiner Zeit mußten“ schreiben ...  (gar nichts werde ich gemusst haben, wenn die Leser diese Zeilen lesen, schon gar nich bei 8 Euro 50 brutto die Stunde, aber wenn die Auftragsdichte es zulässt, tu ich auch mal jemand einen kleinen Gefallen, es gibt übrigens auch Programme, die dann den ganzen Text auf Wunsch wieder auf alte Rechtschreibung trimmen, macht alles die Technik (Thorsten Büdenbender (48), „die junge Dame“ vom Schreibbüro))


... also junger Mann: von einem einzigen Blatt mit zugegeben Vorder- und Rückseite wollen Sie noch 396 Seiten Text „vortragen“, was sagt Ihnen das über den Neuigkeitswert dessen, was Sie nach zwei vorgelesenen Seiten zusätzlich vortragen, haben Sie schon mal das Wort „Redundanz“ gehört?


Ist Ihnen denn das Wort „Kunstfreiheit“ schon mal untergekommen?? Ich darf dann also mal weiter ...

Allmählich wird es wieder heiter/ Der Sturm ebbt ab, das Tief zieht weiter.


Oh nein, nein ... nicht mit mir! Sie verlassen jetzt sofort ...


Die Sonne lacht am Firmament/Der Dingo nach dem Jagen pennt


Aufhören, sofort aufhören!


Wärmt sich den Pelz und kriegt Schluck ... Heh! Lassen Sie mich sofort ...


Man hört Geräusche eines Handgemenges, die energische Stimme des Hausmeisters. Jemand schaltet den Recorder aus. Irgendwann dann wieder: So, das hätten wir. – Sind die Ausgänge jetzt von innen verschlossen? Gut so. Weiter geht´s wie angekündigt mit einem zweiten  Audioeinspieler, diesmal zum Thema Urknall (Sprecher aller Stimmen und des Eingangstextes: Matze Knop). Also:Ton ab, bitte!


Der Urknall ist derzeit noch die gängigste Theorie zur Erklärung der Entstehung des Universums. Danach war auf einmal ALLES vorhanden, was heute auch schon da ist, nur eben dichter, heisser und gasförmig – aber ein paar tausendstel Sekunden vorher nur (es kommt nicht so genau drauf an, 10 hoch – 43 Sekunden glaub ich, also noch deutlich kürzer als selbst eine Fußgängerampelphase an einer Hauptverkehrskreuzung) war  

NICHTS.  

Erst Nichts. Kurz darauf ALLES, was heute da ist (gut, ein bißchen Schwund ist immer, Schwarze Löcher und so weiter, oder sagen wir besser, kein Schwund, sondern: Umwandlung, E = mc Quadrat, das Universum verliert nichts, wo sollte das verlustig Gehende auch hin ...).

Erst Nichts also, dann Alles. Schon erstaunlich, oder?  Wenn man nur jemand befragen könnte, einen Zeitzeugen vielleicht, war da nicht vor kurzem was, genau:  „Aus dem Nichts: Bezirkseinzelmeister Bernd B. (35)“ hieß die Überschrift eines Artikels von Pit S. in der Rochade Europa über die Schachbezirkseinzelmeisterschaft (BEM) in Dortmund 2014. Giancarlo Kragendorff, bekanntlich RN-Redakteur für Kultur und Sport, hat die beiden zu einem Gespräch über erste Dinge eingeladen:  

Herr B, sie kommen also aus dem Nichts ebenso wie das Weltall, sie sind sozusagen ein Mann der allerallerersten Stunde, bitte schildern Sie doch unseren Leserinnen und Lesern, wie wir uns das Nichts vorzustellen haben. 

Nun, natürlich komme ich aus dem Nichts, aber nicht parallel zum Rest des Weltalls, sondern genau wie Sie und wie alle Anderen, wie alles Andere als Abkömmling eines sehr langwierigen Evolutions- und Entwicklungsprozesses. Als Zeitzeuge, wie sie vielleicht gehofft haben, kann ich daher leider nicht dienen. Der Begriff des Nichts, wie Pit S. ihn gebraucht hat, ist wohl ausschließlich auf meinen damaligen geringen Bekanntheitsgrad in der Dortmunder Schachszene bezogen gewesen und daher lediglich im übertragenen Sinne zu verstehen. 

 Ah ja. Schade, also keine Zeitzeugenschaft ... Wie ich hörte, sind Sie gelernter Physiker, kennen sich also aus sowohl in alsauch mit der Materie. Was glauben Sie denn, wie wir uns das Nichts vorzustellen haben, gibt es ... 

Ich selber bin kein Spezialist, kein Astrophysiker, Aber ich kann Ihnen sagen, daß der Naturwissenschaftler darüber nur spekulieren könnte und deshalb schweigt er lieber. Wir können einfach keine Aussagen darüber machen. Im übrigen scheint mir anstelle des Begriffes des „Nichts“ für den Zustand vor dem mutmaßlichen Urknall der Begriff „Singularität“ geeigneter zu sein, denn er läßt immerhin noch offen, um was für einen Zustand es sich handeln könnte, während der Begriff „Nichts“ diesem uns unbekannten Zustand ein ausschließendes Attribut zuordnet, denn „Nichts“ schließt nun einmal jedwedes Vorhandensein von irgendetwas aus, die Naturwissenschaft kann aber gerade darüber, ob dem so ist oder besser gesagt war,  keine verläßliche Aussage treffen. Mit dem Begriff der „Singularität“ wird nun ein Zustand beschrieben, der sich von allem anderen, was wir kennen, unterscheidet und mir darum umfassender und zugleich präziser zu sein scheint. 

„Singularität“ also, hmh.  Für den Laien auch nicht sonderlich befriedigend und wenig anschaulich ...

Herr S., Ihnen eilt der Ruf voraus, immer alles zu wissen ... 

Ist eher ein Gerücht, würde ich sagen, welches noch verifiziert werden müßte ... zum Thema  „Urknall“ vermag ich jedoch nichts beizusteuern, außer der Bemerkung, daß der „Urknall“ ja nur ein Erklärungsmodell ist, es kann alles auch ganz anders gewesen sein ... Jetzt aber mal zu einem anderen Punkt, der Ihre Leserinnen und Leser genauso interessieren dürfte oder jedenfalls sollte: Wie bin ich denn überhaupt zu dieser Überschrift „Aus dem Nichts: Bezirkseinzelmeister Bernd B. (35)“ über meinem BEM-Artikel gekommen?  

Äh ... Verraten Sie´s mir! 

Das ist schnell erklärt: Ab und an mache sogar ich einmal Urlaub, wenige Tage zumeist nur. Ein paar Wochen vor der BEM war ich in Mecklenburg, in „Kyritz an der Knatter“, wie der Volksmund das Städtchen nennt ... 

Wegen der Windmühlen wohl ... 

Nun ja ... Ihnen da jetzt zu widersprechen, wäre wohl WASSER auf die MÜHLEN des einen oder anderen Kritikers, der mir gelegentlich eine allzu große Neigung zur Präzision vorhält. Jedenfalls befindet sich dort in Kyritz auf dem Marktplatz ein Stein, in den Boden eingelassen, auf dem steht, ich zitiere wörtlich: „Dieser Stein erinnert an den 14.02.1842. Hier geschah um 10.57 Uhr NICHTS.“  

Toll, haben Sie ein Gedächtnis!  

Kleinigkeit. Nun habe ich die Angewohnheit, beim Lesen von Zahlenreihen schnell mal eben die Quersumme zu bilden, ist so eine Marotte von mir, so wie ich während einer Schachpartie noch vorm Erreichen des Endspiels meine Bauern auf die gegnerische Läuferfarbe stelle, das geht ganz automatisch ...  übrigens halte ich das bewußte Platzieren der Bauern auf der falschen Farbe, auf der Farbe des einzigen noch verbliebenen eigenen Läufers, wenn die Endspielphase schon erreicht ist, für eine Todsünde, das habe ich auch ausdrücklich in meinen Kommentar zum 32. Zug von Weiß in der Partie  Kirmes gegen Vogt vom 1.7.10 reingeschrieben (Datei FS98 2012 -2003, Nr.2164), um damit ...  

Augenblick mal ... für eine Todsünde, sagen Sie? Zufällig habe ich die sieben Todsünden gerade im Kopf ... Sie halten also das fahrlässige Platzieren von Bauern auf der falschen Farbe für eine ebenso gravierende Sünde wie Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit ? 

Ob  man da beim Falschplatzieren von Fahrlässigkeit sprechen kann, bezweifle ich doch gerade. Aber wenn Sie so fragen: warum denn nicht, ja, für ebenso gravierend, jedenfalls in schachlicher Hinsicht, das kann man gar nicht genug anprangern! - Weshalb ich Ihnen aber von der Inschrift auf dem Stein auf dem Marktplatz in Kyritz erzählt habe ... 

Ja, warum ...

Ich las also die Zahlen und habe ganz automatisch die Quersumme gebildet ... 

Lassen Sie mich raten: etwa 35?  

Sie sind doch nicht mit äh ... so wenig Klugheit behaftet wie ich mir niemals erlauben würde zu mutmaßen ... Im Gedächtnis haften blieb somit der Begriff „Nichts“ und die Zahl 35 und als ich mir das Alter des neuen Bezirksmeisters beim Schreiben vor Augen führte, war die Idee zu der Überschrift, dem Aufhänger für den Artikel, geboren. 

Toll. Herr B., Sie wußten sicherlich davon ...  

Wie? Nee, hör ich heute zum ersten Mal! 

Du mußt ja nicht alles wissen, reicht doch wenn ... 

Reicht doch, wenn Sie es mutmaßlich tun, Herr S., nicht wahr ... womit wir wieder bei dem von mir  zitierten Gerücht über Sie wären, so daß sich der gedankliche Kreis hier schließt ... Herr B., Herr S., ich danke Ihnen für das Gespräch. 

(Hieße der Autor Jean Paul, so würde er vielleicht behaupten, daß obige Gespräch zwischen Kragendorff, B. und S. habe wortwörtlich so stattgefunden, lediglich die Inschrift auf dem Stein auf dem Marktplatz von Kyritz an der Knatter, wo übrigens auch Nick Knattertons Heimat gewesen sein soll, sei frei erfunden gewesen: Das Internet bietet Gelegenheit, der Wahrheit teilweise auf den Grund zu kommen (wikipedia-Stichwort „Nichts“, Foto rechts unten am Artikel-Ende).

Ende des Einspielers

 

Weiter nun mit unserem Lehrvortrag über Symbolik im Schachspiel: Soweit, liebe Schachfreunde, also zum Problem, herauszubekommen, was vor dem Urknall war ... selbst einer der scharfsinnigsten Geister unserer Zeit konnte, wie wir gerade gehört haben,  darauf keine befriedigende Antwort geben ... Dieser Urknall ist bekanntlich lange her, nur die Älteren unter euch werden sich noch dran erinnern, Schachfreund XXXX, du vielleicht ....  

Ich werf dir gleich meine dritten Zähne ins Genick! 

Schon gut, hätte ja sein können. Worauf ich hinaus will, was man sich einfach noch mal auf der Zunge zergehen lassen sollte, wenn man so sagen kann: ne Sekunde vorher war NICHTS - oder Singularität von mir aus - und  keine volle Sekunde später war (schnippt mit den Fingern) ALLES, jedenfalls alles als Blaupause enthalten, was heute da ist, unvorstellbar heiße große Gaswolken, die in alle Richtungen auseinanderschossen, sich nach und nach verdichteten, Galaxien, Sonnen und Planeten bildeten,  Planeten wie den unseren zum Beispiel, wo nach und nach Mineralien, Pflanzen, Tiere entstanden, schließlich wir Menschen, die Dornenkrone der Schöpfung, wie jüngst ein Kabarettist zu sagen pflegte. Sicher: wir reiten uns global von einer Scheiße in die nächste, aber liebe Schachfreunde, auf stetig höherem Niveau, bei immer größerer Komplexität. Um bei unserem Metier zu bleiben: welcher Ritter des dreizehnten Jahrhunderts, der bei 13 Grad Celsius mit seinem Burgfräulein eine Partie wagte, hätte sich vorstellen können, daß heute Turnierschiedsrichter unter Klotüren hindurch Kontrollblicke auf die innerhäusigen und ausreichend beheizten Akteure werfen würden, um sie beim unerlaubten Handyspicken zu erwischen? Die kannten ja noch nicht mal Wasserklosetts, guckt euch mal die Anbauten an an den Außenmauern eurer Hohensyburg oder bei eurer Burg Altena, dann wißt ihr, welchen Gang die Dinge damals .... und von solchen Dingen wie Smartphones ganz zu schweigen! Mit anderen Worten: vor dem Anfang war das Nichts, dann war alles da und wurde immer komplexer und komplexer und komplexer. Wir wissen nicht was vor dem Anfang war, aber könnten wir nicht den Versuch einer Benennung wagen? Wäre es angesichts des gerade Ausgeführten so falsch, von einem FELD  ALLER  MÖGLICHKEITEN zu sprechen, aus welchem das Universum entstanden ist? Und könnten damit nicht beide Seiten leben, die „Gläubigen“ und die „Ungläubigen“, sprich die rein Wissenschaftsgläubigen? Die Trennlinie schiede dann nicht Glaubende und Wissende voneinander, sondern - angesichts der unvorstellbaren stetigen Komplexitätszunahme - die angesichts dieses Prozesses Staunenden einerseits von den Gleichgültigen und Abgestumpften andererseits, denen es egal ist, auf einer relativ kleinen Erdkugel mit 100.000 km/h  im Kreis unterwegs zu sein und sich dabei mit 1600 km/h um die eigene Achse zu drehen, ohne das die Frisur vom Fahrtwind Schaden erleidet ... Und dieses Feld aller Möglichkeiten, eine Art schwarzes Loch vielleicht, daß sich Milliarden Jahre lang ausdehnt, alle Möglichkeiten ausprobierend, die sich aus dem Plus und Minus der Grundsubstanz, dem Wasserstoffatom, in endlosen Kombinationen ergeben können um dann, wenn der Ausgangsimpuls erschöpft ist, die gesamte Materie wieder zurückzuholen  in einen Bezirk von unvorstellbarer Dichte, um irgendwann das Spiel von neuem beginnen zulassen, „um“ zu sehen was dann passiert .... Neues Spiel, neues Glück, wie beim Flipperautomat. Eine Kugel wird hochgeschossen, prallt zigmal irgendwo an und stürzt irgendwann imprägniert mit Erfahrungen und gezogen von der Schwerkraft zurück ins Nichts. Ein Feld aller Möglichkeiten, aller möglichen Kombinationen: könnte dies nicht auch im Schachspiel manifestiert sein? Man muß sich mal klarmachen: die Anzahl der möglichen Züge übersteigt angeblich die Anzahl der Atome im Universum! Übertrifft da nicht der „Geist“ die Materie oder zumindest die Qualität die Quantität? Ihr kennt die Weizenkörnergeschichte, der dankbare König, der dem Erfinder zur Belohnung ...  

Ist bekannt, ja.  

Und was soll uns diese Geschichte sagen. Was der Erfinder für ein toller Hecht gewesen sein muß? Ich bitte euch: Ein paar Klötzchen auf ein kariertes Tischtuch gestellt und nach und nach über die Jahre fällt mal jemand ne Verbesserung der Regeln ein, also daß würden sogar relativ schlichte Gemüter wie Uli Hoeneß hinbekommen ...  

Wie kommst du denn auf den ausgerechnet?  

Weiß ich jetzt auch nicht, fiel mir grade so ein ... jedenfalls: diese unendlichen Möglichkeiten, das ist das Frappierende ... und damit ist die Weizenkornlegende in Wirklichkeit keine Huldigung des sogenannten „Erfinders“, sondern vielleicht des Prinzips, welches sich hinter all diesen Variationsmöglichkeiten verbirgt! 

Ich würd jetzt wirklich gerne eine rauchen! 

Wie kannst du jetzt – im Angesicht der Erhabenheit des Universums – ans Rauchen denken! (greift zu seinem Stummel im Ascher und nimmt einen tiefen Zug) Solltest du nicht vor Ehrfurcht erschauern und ab jetzt, jedesmal wenn du vor einem Schachbrett sitzt, der immanenten Intelligenz des Weltalls huldigen, die zweifellos vorhanden sein muß, wie ich soeben deinem trägen Geist anscheinend fruchtlos habe vermitteln wollen ...  

Was heißt denn, die Komplexität nimmt zu, wirf doch mal bei neuen und bei alten Autos nen Blick unter die Motorhaube! 

Du Ignorant, natürlich ist die Oberfläche glatter und übersichtlicher bei Neuwagen, aber entscheidend ist doch, was drunter für Prozesse ablaufen ...  

Nee: Entscheidend is auffm Platz!  

Genau, das sagte schon euer Akki Schmidt, der alte Borusse! Damit kommen wir zur Parallele zwischen Schach und Ballsport ... Audiodatei die dritte Ton ab, bitte!(Sprecher ist Heribert Faßbender

Ja, erst mal ´n Abend allerseits! Bin ein bißchen grippal infiziert im Moment, aber Herr Professor Kindermann hat mich vor dieser Tonaufnahme fitgespritzt, es wird schon gehen. 

Also: Parallelen zwischen Schach und (Fuß-)ball?Auf den ersten Blick scheint es nicht viele Gemeinsamkeiten zu geben. Hier das Spiel Eins gegen Eins am Tisch mit Brett und Figuren, dort der Kampf zweier Mannschaften unter körperlichem Einsatz auf einem Spielfeld mit Ball und Tor. Immerhin lassen sich in beiden Fällen zwei Phasen unterscheiden, die natürlich ineinander übergehen können, in Phase 1 das Anstreben einer räumlich-positionellen-materiellen Übermacht, um in Phase 2 das letztendliche Spiel(teil)ziel (Matt oder Tor) erreichen zu können. Worin aber könnten die Parallelen zwischen den beiden Spielzielen in Phase 2 liegen? Was hat ein mattgesetzter König mit einem über die Torlinie kullernden Ball zu tun? Eine Gemeinsamkeit ergibt sich erst bei hinreichend abstrakter Definition der Spielziele jenseits der unterschiedlichen optischen Erscheinungsbilder: In beiden Fällen geht es letztlich darum, ein per Reglement als wertvoll definiertes „Objekt“ unter die eigene Kontrolle zu bringen, im einen Fall den König durch Einkreisen mit den eigenen Streitkräften, im anderen Fall den Ball durch erzwungenes Unterbringen in einem umgrenzten Areal (Tor des Gegners).

Boah, mag hier der eine oder andere einwenden, ist das nich nen bißchen weit hergeholt, weiter noch als der Ball, den der Torwart im Amateurbereich nach einem grob fehlerhaften Torschuß aus der Hecke des umliegenden Reihenhauses hervorkramen muß? So war das jedenfalls in meiner Jugend, da gab´s noch nicht diese hohen Maschendrahtzäune hinterm Tor. 

Im Schach ist das wertvolle Objekt (wO) Teil der widerstreitenden Parteien, da aber wiederum nur ein Teil von jeweils 16  Ausführungsorganen der beiden „Mannschaftsführer“, also der beiden Spieler.  Beim Ballsport ist das wO etwas Drittes jenseits der beiden Konfliktparteien – und im Unterschied zum Schach nur einmal vorhanden.

Betrachtet man jeweils die beiden Spielfelder, so fällt einem folgende Gemeinsamkeit auf: Neben dem „Zug zum Tor“ nur beim Ballsport gibt es bei Schach und Ballsport gleichermaßen einen Drang, einen Zug zur Grundlinie respektive –reihe des Gegners, beim Ballsport zum Tor als Teilausschnitt der Grundlinie, beim Schach im Wege des steten Vorrückens der Bauern mit dem Ziel der Umwandlung (der Promotion, dem Upgrade) auf der gegnerischen Grundreihe. Beim Schach bilden jeweils die mattsetzenden eigenen Figuren und Bauern, oft unter Zuhilfenahme der gegnerischen Steine,  das „Fangnetz“ für den gegnerischen König, beim Ballsport ist es das Tor, nach herkömmlicher Lesart das des Gegners, ebenso kann dieses Tor aber auch als das jeweils eigene definiert werden, in welches – trotz Gegenwehr des Gegners – die eigene „Beute“, der Ball, hineingetrieben wird, wie in einen Tresor oder ein Bankschließfach oder wie in einen Kühlschrank nach der Jagd).

Spiele auf Ballspielfeld und Schachbrett haben übrigens eine Übereinstimmung dreier formaler Elemente, die man früher der Sphäre des Heiligen zuordnete, dem Zauberkreis in primitiveren Kulturen und später dem Tempelbezirk: den abgeschlossenen Raum, den begrenzten Platz und den zeitlich begrenzten Ablauf. 

Damit kommen wir kurz zu den Deutungsmöglichkeiten des Torschusses, des Mattsetzens:
Für den erfolgreichen Torwurf,-schlag oder -schuß (gilt bei allen Ballsportarten, beim Tennis z. B. wird die stark vergrößerte „Torraumfläche“ übrigens durch das Erfordernis des „zweifachen Aufpralls“ kompensiert) sind folgende Deutungen anerkannt: ein Abbild der Jagd zu sein, des Säens, der Eroberung feindlicher Stadttore mittels eines stilisierten Rammbockes, der Austreibung des Teufels, des Sündenbocks (Ziegenleder) runter vom Spielfeld, der Quadratur des Kreises „das Runde muß ins Eckige“ als Quint-essenz (vgl. C.G.Jung) und schließlich ein Symbol der Befreiung der menschlichen Seele schlechthin zu sein im Sinne mystischer Traditionen (vereinfachendes Szenario: ein 1:0 Sieg: der Ball hinter der Torlinie ist  dem System 1(Spielfeld), dem Hin und Her, dem Herumgestoßenenwerden enthoben und in System 2 (im Torraum) keinerlei Anforderungen und Beschränkungen mehr unterworfen: all dies kann nur thesenhaft behauptet werden und bedarf – bei Bedarf! – einer gründlichen argumentativen Untermauerung (vgl. Benno Blaumann: „Der Buchtitel – Vom Sin und Zweck von Ball und Tor“, Manuskript über den auktorialen Autor einsehbar)...

Auktori was? 

 

Spielt jetzt keine Rolle, ist übrigens in diesem unseren Kontext literaturtheoretischer Unsinn, dieser Begriff ...nochmal Ton ab bitte!


...über den auktorialen Autor einsehbar). Paralleldeutungen zwischen Ballsport und Schach sind möglich bezüglich der Jagd (der König als Beute, der Ball im Tor als eingebrachte, gesicherte Beute) und der psychologischen und mystischen Deutung (Mattsetzen und Unterbringung des Balls im Tor jeweils als Beendigung der Trennung zwischen Alltags-Ich und Unbewußtem bzw. Ich und höherem Selbst). 

Zu guter Letzt ein Hinweis auf die „Hybrid“-Spiele zwischen Schach und Ballsport: Das gute alte TippKick oder auch der Tischfußball oder Kicker. (Der Weltmeister(!) im Kickern (nein, der stammt nicht aus Ickern) war bis vor kurzem übrigens ein Lehrer aus Bochum, der in Dortmund wohnt, die Welt ist eben klein). Euer Dortmund schließlich, die Hochburg für Fußball und Schach, BVB und Dortmunder Schachtage, wo ist da die Verbindung zu sehen: hoch oben unter dem Dortmunder „U“ auf den Video-Bildschirmen bei den gelb-schwarzen Tischkicker-Figuren an BVB-Heimspieltagen, ihr müßt nur richtig hinsehen!

Mit soviel trockenem Grundwissen als Rüstzeug ergibt sich nun die sicherlich willkommene Gelegenheit wieder auf die rechte, für Regelloseres anfällige Hirnhälfte umzuschalten: ich gebe zurück zu Gustave Gris!  

Danke für die Überleitung, Heribert ... Regellos, meint der etwa meinen Vortragstil? Also so was ... ich muß doch sehr bitten ... 


Kommt jetzt  „Per Touchdown zum Doktorhut“

So ist es. Was ist damit gemeint? Erinnert ihr euch an Schachfreund Vlastimil H., wenn er im WDR den geglückten Einzug eines Bauern auf die Grundreihe des Gegners mit gleichzeitiger Umwandlung zur Dame kommentierte: “Derr Bauerr prromovierrt, Helmut, ja, das ist so!“ pflegte er jedenfalls in den letzten Jahren zu sagen.  Vom Wortlaut her war das zweifellos richtig. Promovere heißt vorwärts ziehen ... 

(Einer der 48 Zuhörer kommt aus der lautsprecherbeschallten Toilette):Kannst du schon in Zungen reden, wie die Apostel zu Pfingsten?  

Wieso? 

Na unten aus dem  Lautsprecher sprichst du „Chinesisch“!  

Sehr witzig. Ich spreche also chinesisch für dich ... und ich dachte, das wäre Latein gewesen, promovere, meine ich ...  Na dann ganz einfach: Der Torschuß oder Wurf symbolisiert die Befreiung des „Spielballs des Lebens“ aus dem System. Dem Torschuß entspricht der Touchdown beim American Football, ich vereinfache, ich weiß. Dem Touchdown entspricht die Bauernumwandlung. Der Bauer erreicht das Arkanum, den heiligen geschützten Raum des Gegners, er ist der Held, der den Gegner bezwingt, in dessen Tor-Raum er seine Knechtschaft überwindet und zu seiner wahren Macht und Größe, zur neuen Dame emporwächst. Damit bestehen im Schach zwei parallele Phänomene, einmal das gerade geschilderte dem Ballsport entsprechende, zum anderen das rein schachspezifische, die Gefangennahme des Königs. Verstanden? 

So halbwegs.  

Auf geniale Weise verknüpft hat übrigens der begnadete Problemkomponist Sam Loyd  die Phänomene Matt und Umwandlung/Touchdown in einem äußerst coolen Fünfzüger, anzusehen bei Godehard Murkisch „Rätselvolle Schachaufgaben“ Nr. 276, sehr zu empfehlen - oder auch bei wikipedia unter „Sam Loyd“  1. Excelsior (Vorsicht: Lösung wird sofort mitgeliefert).  Noch einmal ein wenig Lokalkolorit: Wer bekannte Strukturen mit unbefangenem Blick zu betrachten gewillt und in der Lage ist, entdeckt vielleicht in der Partie Christian G. gegen Pit S. vom 29.09.13 (Datei FS 98  2013 –2014.cbh, Nr. 42) im 36. Zug Parallelen zum Ablenkungsmanöver und Paßspiel eines Football-Quarterbacks (in Gestalt des Damenopfers), der dem loslaufendem Mitspieler Gelegenheit zum Home-Run, zur Ablage des Balls hinter oder auf der Torlinie gibt (Durchmarsch des b-Bauern Richtung weiße Grundreihe). 

Apropo „unbefangener Blick“: mein Kopf ist jetzt voll, aber mein Akku leer. Könnt ich vielleicht ganz kurz draußen eine ...  

Schöner Versuch, verfängt aber nicht. Wir kommen jetzt abschließend  (hält ein und blickt in die Runde) .... Leute ich sagte abschließend! Höre ich da keinen Beifall ? (Artiger Applaus brandet kurz auf) Na also: Wir kommen jetzt abschließend zu Tschaturanga und C.G. Jungs höherem Selbst. Wir erinnern uns an die Deutungs-Kette. Der König an sich, an und für sich ....  

Klingt nach Hegel ... 

Von mir aus, du Klugscheisser ... 

Selber einer ... 

Stimmt. - Also das Stück Holz, der König, als Ego-Symbol (1), der König des Gegners als Schatten (2) – und nun die Integration des Schattens als Vorausetzung zur Einswerdung mit dem höheren Selbst (3), in dieser Dreiheit haben wir wieder den König als Symbol für unser eingangs benanntes stinknormales Ich, konsequenterweise dann aber auch für die in Psychologie und Religion/Mystik  benannten Erweiterungen desselben.  

Die Gleichsetzung des Königs mit dem Atman, mit dem Brahman entsprechenden göttlichen Funken,  sieht  Fritz Siebert in seinem Buch „Philosophie des Schachs, Band 1: Vom Wesen und Ursprung des Schachs“,  im indischen Schach, dem Tschaturanga begründet. Etwas vereinfacht kann der Begriff des Atman wiederum mit dem des Höheren Selbst im Sinne von C.G.Jung gleichgesetzt werden, so daß wir hier durchaus beachtliche Schnittmengen zwischen östlicher Mystik und dem spirituell orientierten Zweig westlicher „Transpersonaler“ Psychologie erkennen können ... Atman als eine Art Miniaturausgabe des Brahman, des unbewegten Bewegers, als eine Art holografischer Absplitterung des All-Einen, des Absoluten ... bitte, liebe Schachfreunde, dies sind nur höchst unzulängliche Sinnbilder von Phänomenen und Seinsformen, die mit dem normalen menschlichen Verstand keineswegs ... vielleicht sollte ich einmal ein modernes Sinnbild zur Veranschaulichung gebrauchen: eine Gestalt in einem Regieraum mit vielen Bildschirmen im Kreis um sich herum. So ähnlich könnte man den Atman charakterisieren: Interessiert, aber unbewegt-heiteren Gemüts die vielen Irrungen und Wirrungen betrachtend, die sich in vielen Videos, den vielen Inkarnationen seines Selbst in unserer niederen materiellen Welt, der Maya mit all ihrer Vortäuschungen des Getrenntseins des Individuums von der übrigen Welt und den daraus folgenden Empfindungen des Leidens manifestieren – das ganze natürlich gleichzeitig zu sehen auf den Bildschirmen, da ja Raum und Zeit auch nur Illusion und damit eine chronologische Abfolge verschiedener Verkörperung wiederum nur scheinbar ...


Aber sicher, schon klar, selbstverständlich! Du hömma, mir brummt die Rübe nach ...


Nicht jetzt! - Betrachten wir den König im Schach daher (auch) als Symbol für den Atman, den göttlichen Funken, so scheint folgendes nachvollziehbar: Der eigene König ist unser wertvollster Besitz und bedarf daher unseres besonderen Schutzes. Aus der Doppelung der Könige auf dem Schachbrett erwächst das Bestreben, durch „Gefangennahme“ des „gegnerischen“ Königs die Dualität zu überwinden, indem wir regelgemäß das unausgesetzte Treiben, die Bewegungen auf dem Brett zur Ruhe bringen und uns damit von dem unerbittlichen Zugzwang des Daseins befreien. Die Gefangennahme des zweiten Königs symbolisiert die Rückkehr zum eigenen höheren Selbst, zum Atman, was gleichzeitig – in der Sprache der Mystik - die Befreiung von der Knechtschaft des dreidimensional-materiellen Daseins, das Losbinden vom Rad der Wiedergeburt, die Befreiung von Samsara, von Maya und damit den Beginn eines unvergleichlich freieren, intensiveren, glückserfüllten Daseins, sowohl in jenseitigen Sphären aber auch schon im Diesseits spürbar, bedeuten soll. Mit dem Matt des Gegners im Schach ermatten auch die zum Zuge zwingenden, die Zugzwang-Kräfte und der Spieler verspürt ein Gefühl des Glücks oder zumindest der Zufriedenheit, weil ererstens seinen eigenen Lebenskräften, seinen eigenen Antrieben, Motiven, Wünschen – symbolisiert durch die sich verschieden bewegenden und unterschiedlich mächtigen Figuren mit dem König als „Ich (plus X, s.o.)“, als Oberzentrum – weil er diesen vielfältigen Kräften auf dem die dreidimensionale Welt symbolisierenden Brett ein sinnvolles Ziel gesetzt und dieses erreicht hatzweitens in wenn auch erst in symbolischer Weise durch die Mattsetzung die oben genannte Befreiung und Intensivierung des Lebensgefühls durch Überwindung der Dualität, von Yin und Yang, von Licht und Finsternis vollzogen hat und dadurch einen schwachen Abglanz des womöglich noch bevorstehenden Glücks empfindet ... 

Du hömma, ma was ganz anderes, wie gesagt, mir brummt die Rübe nach deinen erlauchten Worten, aber morgen iss doch Rosenmontag, Sessionshöhepunkt, Anlaß für Tanz und Trunk, da muß man sich doch nich mit so hochgestochenen Dingen wie Batman ... 

Atman!  

Sach ich doch... Also können wir nich einfach... 

Einfach ist hier gar nichts heute Abend und auch nicht zufällig übrigens: Was glaubst du denn, warum ihr gerade 48 Nasen seid, die ihr hier sitzt, und nicht 50 oder 38, zähl mal die Anzahl der Tage, die jedes Jahr ab Rosenmontag bis Ostersonntag verbleiben, dann siehst du ... Aber genug. - Du hast mir ein schönes Stichwort für den Schluß am heutigen Faschingssonntag gegeben: Karneval ist die Zeit der Narren, die Zahl des Narren ist die 11, im Fußball die Nummer des linksfüßigen Linksaußen und des Elfmeters übrigens, wobei die Zahl 11 nicht durch Zufall zwischen der 10 und  der 12 angesiedelt ist, also den Zahlen des Dekalogs, der zehn Gebote, und der Vollkommenheit, der Zwölfheit, was übrigens unter anderem Christoph Bausenwein sehr schön in seinem überaus lesenswerten dicken Buch „Geheimnis Fußball“, das auch die religiösen Ursprünge des Fußballsports behandelt, herausgearbeitet hat – auch als CD-Rom erhältlich übrigens ...  Hör auf, ich kann nich mehr! Ich ruf gleich die 111 an, 110 oder 112 können mir nich mehr helfen, glaub ich ...  Schön gekontert! Aber ich bin ja schon fertig, muß ich ja auch, guckt mal auf die Uhr! 


(reckt sich und erhebt die Stimme): So liebe Schachfreunde, ihr seit nun erlöst, leider noch nicht metaphysisch-spirituell, aber zumindest erlöst von mir, denn es ist 23.00 Uhr heute am 26.02.2017 und in genau 11 Minuten startet unser elfrundiges Blitzturnier „Round Midnight“, wie angekündigt ein Thementurnier mit euch hier als gleichzeitig speziell geladene Vortragshörer und Mitspieler, getreu dem Motto des Mystikers Nikolaus von Cues: Coincidentia Oppositorum – Zusammenprall, Zusammentreffen der Gegensätze! Wenn ich jetzt die Namen aufrufe, darf ich die Aufgerufenen bitten, sofort an ihrem Tisch Platz zu nehmen ...  Ladies first, also ...

 
Tisch 1:  Caissa Klug gegen Lothar Dumm!

Tisch 2:  Antje Fuchs gegen Albert Hase! 

Tisch 3:  Werner Hase gegen Felix Igel!

Tisch 4:  Josef Gut gegen Daniel Schlecht!

Tisch 5:  Hajo Hecht gegen Jannis Hering!

Tisch 6:  Uwe Ernstmeier gegen Lubomir Spasskowski!

Tisch 7:  Kevin Zwerg gegen Gerd Riese!

Tisch 8:  Michael Starkbaum gegen Bernd Schwachhofer! 

Tisch 9:  Axel Besser gegen Franco Schlechter!

Tisch 10: Jörg Patzer gegen Martin Könner!

Tisch 11: Andreas Geldmacher gegen Horst Hartzer!

Tisch 12: Rafael Katz gegen Dennis Maus!

Tisch 13: Andreas Kämpfer gegen Alain Spielmann!

Tisch 14: Kurt Markmann gegen Georg Pfennigschmidt!

Tisch 15: Bernd Zäh gegen Dieter Leicht!

Tisch 16: Oliver Bierhaus gegen Roland Weingut!

Tisch 17: Klaus Sinn gegen Stefan Unfug!!

Tisch 18: Hartmut Zieher gegen Daniel Schieberle!

Tisch 19: Tim Birnkraut gegen Werner Apfel!

Tisch 20: Steven Rot gegen Anton Grün!

Tisch 21: Fabian Silber gegen Florian Gold!

Tisch 22: Herbert Bauernfeind gegen Sylvester Bauernfreund!

Tisch 23: Eckard Gottlob gegen Tobias Haßdenteufel!

Und zu guter Letzt der Klassiker ...
Tisch 24: Malte Weiss gegen Nico Schwarz! 

 

Die Uhren sind freigegeben, ich wünsche Gut Holz! 

 

(Das waren die letzten Worte, die wir an diesem Abend von Gustave Gris zu hören bekamen. Das ganze Turnier über saß er stumm in einer dunklen Ecke und überließ mir die Eintragung der Ergebnisse nach jeder Runde. Gegen 2.00 Uhr morgens stand der Sieger fest: Klaus Sinn – nach Feinwertung - auf dem ersten Platz, dicht gefolgt vom Zweitplatzierten Stefan Unfug. 


Doch als wir zwecks Vornahme der Siegerehrung nach Gustave Gris Ausschau hielten, war sein Sitzplatz leer. Niemand hatte sein Verschwinden bemerkt. Gerüchte kreisten im Raum. Er sei heute morgen aus Eckernförde angereist, hieß es, und daß er ein Ex-Mitarbeiter der Presseabteilung von Paris St. Germain sei, dem französischen Fußballclub. Die Einladungen zu diesem Turnier seien im höflichen Ton verfaßt gewesen, so klang es aus den Reihen der Teilnehmer, doch habe man jeweils das schwer erklärliche Gefühl gehabt, die Einladung nicht abschlagen zu können.

Wie auch immer: Der Abend war mehr als sonderbar verlaufen. Der Hausmeister und ich beschlossen, unsere Vereinbarung mit Gris einzuhalten und das „Abhörprotokoll“ am nächsten Tag ins Netz zu stellen, damit sich jedes Mitglied von Somborn 64 - und alle weiteren Interessierten! - ein eigenes Urteil bilden könnten. Niemand hatte Gris´ Verschwinden bemerkt. Die 48 Teilnehmer zerstreuten sich nach und nach in alle Richtungen. Der Hausmeister und ich demontierten die Tonanlage und räumten die Tische ab. Wir löschten die Kerzen. Leise säuselte der Wind in den Lüftungschächten, als wir vom Treppenabsatz  aus einen letzten Blick nach unten auf die leeren Bänke des Gewölbekellers warfen. Wir traten hinaus in den sehr frühen Morgen des Rosenmontags und verschlossen die Tür.


„Das ist das Tor, durch das ich eingetreten/ Und alle Dinge wie verwandelt schaue...“(Christian Morgenstern)

 

 

 Teil 2

Ein Aschermittwochskommentar von Richard Yeti


Liebe Schachfreunde,


nach diesem spektakulären Auftritt eines tatsächlichen oder erfundenen Gastredners – ich will meinen alten Kumpan Theodor hier nicht wieder reizen und die Frage zumindest offen lassen – am Vorabend des Rosenmontags nun heute, am Aschermittwoch, dem 01.03.2017, der angekündigte Versuch einer nüchternen vorurteilslosen Einordnung und Kommentierung des Dargebotenenen. (Lesezeit etwa 15 min)


Vielleicht  zunächst zum sonderbaren Gastredner selbst: drei Begriffe, drei Eigennamen sind gefallen, die dem in diesen Dingen leidlich Bewanderten auffallen – Fontainebleau, Eckernförde und Paris St.Germain. Die Namen weisen auf zwei äußerst schillernde Gestalten hin, nämlich auf Georges I. Gurdjieff, der längere Zeit seine Wirkungsstätte in Fontainebleau bei Paris hatte und den Grafen St. Germain, ebenfalls zeitweilig in Paris ansässig, am Ende seines Lebens aber in Eckernförde.Beide Gestalten werden von einem Teil der „Eso-Szene“ als hochentwickelte Weisheitslehrer angesehen, von anderen aber als reine Hochstapler. Schaut euch das Konterfei Gurdjieffs einmal an auf der einschlägigen wikipedia-Seite.  Vielleicht würde der eine oder andere ja tatsächlich kompetenten Rat auf spirituellem Gebiet von diesem Herrn erwarten; einen Gebrauchtwagen dagegen würde wohl kaum einer von ihm kaufen wollen. Desungeachtet war Gurdjieff Inspirationsquelle für einen der weltbesten Klavier-Improvisateure, den Pianisten Keith Jarrett, vgl. dessen LP „Sacred Hymns“ von 1980.  Jarretts Stück „The Fire within“ ( Keith Jarrett at the Blue Note, Disc 4, Part 5) wiederum inspirierten manchesmal auch den kleinen Geist des Kommentators vor schwierigen Turnierpartien.


Zusammengefaßt zeugt die oben genannte Streuung von Schlüsselbegriff-Ortsnamen mit solch einem Assoziationsgehalt bezüglich eines Faschings-Vortragsredners sicherlich von einem Quentchen Humor bei Gustave Gris (der unbekannten, die Dualität überwunden habenden, eben „grauen“ Eminenz) – oder beim Erzähler, bei Theodor B. – oder bei  --- wem auch immer.


Nun zum Inhaltlichen - Schach als Symbol für das Ich: Zunächst scheint der Gedankengang plausibel, die Schachfiguren, also die gesamte eigene Stellung, als Symbol für das eigene Ich zu betrachten, so wie es in dem Spiegel-Zitat Viswanathan Anand getan hat und sicherlich viele andere passionierte Schachspieler auch schon.  Dabei ließen sich zwei Sichtweisen unterscheiden: Man nimmt die gesamte Stellung, also die gesamte Anordnung der eigenen Steine als Einheit - mit dem König als so etwas wie ein geistiges Zentrum, welches  - indirekt durch seine Schutzbedürftigkeit - die verschiedensten eigenen Impulse und Bestrebungen koordiniert. Danach wären Position und Bewegungen aller Figuren einer Partei einschließlich des Königs Ausdruck der aktuellen Zielgerichtetheit und Stimmigkeit des eigenen Ichs während einer Partie – oder eben des Gegenteils, was dementsprechendes Unbehagen beim Spieler hervorruft. Dies entspräche der Sichtweise von psychologischen Schulen wie der Gestaltpsychologie oder der Psychosynthese. Darüberhinaus scheint aber eine weitere Sichtweise plausibel zu sein: Die eigene Stellung, also die Gesamt-Anordnung der eigenen auf dem Brett befindlichen Steine, ist für den Spieler zwar wichtig, aber doch herzlich egal, solange nur noch ein Bauer übrig bleibt, der den König des Gegners matt setzen kann. Jede Figur, jeden Bauern wird er bereitwillig opfern um den eigenen König zu retten oder den gegnerischen zu erlegen. Somit scheint es gerechtfertigt, dem König selbst – und nur diesem! – die wahren Stellvertreter-Qualitäten für unser eigenes Ich zuzuschreiben, denn nur um diesen machen wir uns im Laufe einer Partie letztlich wirklich Sorgen. Gilt der König nun nachvollziehbar zunächst als Symbol für unser kleines, herkömmliches, bürgerliches, von der übrigen Welt getrenntes Ich, so erscheint es schlüssig, auch einmal die Ich-Erweiterungen, die uns westliche Psychologie und östliche Mystik als Deutungsangebote präsentieren, auf mögliche Abbildungen in Substanz und Struktur des Schachspiels zu untersuchen. Eben diesen Versuch hat Gustave Gris am Beispiel des Jung´schen Schattens und des indischen Atman/Tschaturanga-Komplexes in seiner ganz eigenen (Vortrags-)Art unternommen – wobei er sich allerdings gelegentlich ein wenig zu verzetteln schien und manches nur andeuten konnte. Dem (immer noch) wißbegierigen Leser sei deshalb das Selbststudium anhand der Literaturhinweise am Ende dieses Kommentars empfohlen.

Neben dem Sinn für Symbolik scheint Gris auch mit dem menschlichen Bedürfnis nach Selbstoptimierung zu liebäugeln. Der Philosoph Peter Sloterdijk hat in seinem Buch „Du mußt dein Leben ändern“ einen geschichtlichen Abriß der wichtigsten dieser Bestrebungen einschließlich vieler Irrungen und Wirrrungen geliefert, verbunden mit dem Hinweis, daß unsere turbulente Zeit eine Steigerung, eine Verbesserung des Menschen in Bewußtsein und Handeln, dringend nötig habe.


Gris nun blickt in seinem Vortrag weit zurück und versucht den Schleier auch noch vor buchstäblich letzten Dingen zu lüften. Im Hauptpassus seiner Argumentation will er mit dem Begriff des „Feldes aller Möglichkeiten“, welches vor der Entstehung des Universums, vor einem mutmaßlichen Urknall liege, „Gläubigen“ wie „Ungläubigen“ also Theologen wie Wissenschaftlern einen beiderseits goutierbaren Arbeitsbegriff vor die Füße legen.


Der Kommentator selbst – mittelgradig mit diesem Thema vertraut  - kann dieser Haltung einiges abgewinnen. Am plausibelsten und weitgefasstesten scheint ihm auf diesem Gebiet der gedankliche Entwurf von Ken Wilber zu sein, der – stark vereinfacht  - holzschnittartig etwa so zusammengefaßt werden könnte: Der Urgrund allen Seins bestand, bestehe  und werde immer bestehen. Drei Eigenschaften seien ihm eigen, nämlich Sein, Bewußtsein und Glückseligkeit.  Sat, Chit, Ananda sei die Bezeichnung dieser Dreiheit im indischen Kulturkreis.Man könne nun diesen Urgrund, dieses Erste Prinzip, das Unnennbare o.ä. mit einem Schachspieler (!) vergleichen, der es leid sei, immer nur gegen sich selbst zu spielen, da er ja seine eigegen Gedanken und Pläne stets im voraus kenne. Daher habe es verschiedene Welten mit nach unten immer zunehmender stofflicher Dichte geschaffen, um Abspaltungen seiner selbst, göttlichen Funken gewissermaßen, die Gelegenheit zu geben, sich selbst und die göttliche Herkunft vergessend immer tiefer in die dichte Materie zu fallen (Involution) und sich daraus wieder zurück zu ihrer Herkunftsquelle zurückzuarbeiten – unter Gewinnung mannigfaltigster Erfahrung und Individualisierung sowie der stetigen Zunahme von Intelligenz, Willen und Emphathie.Das Wissen um diese Zusammenhänge sei in Gestalt einer „philosophia perennis“, einer ewigen Philosophie, immer in der Menschheit vorhanden gewesen. Mit dem Aufkommen des (natur-) wissenschaftlichen Denkens, der „Entzauberung der Welt“ sei dieses Wissens mehr und mehr verdrängt und mißachtet worden. Das Aufkommen des wissenschaftlich-logischen Denkens sei notwendig und begrüßenswert gewesen – um den Menschen eine sichere gedankliche Basis zu geben, mit deren Hilfe sie die nächsten Schritte der Erweiterung ihres Bewußtseins gehen könne. Gleichzeitig sei jedoch, neben der sinnvollen Bekämpfung von Aberglauben und ähnlichem das Kind mit dem Bade ausgeschüttet worden und die Naturwissenschaft habe sich Deutungskompetenzen für Themenbereiche wie der inneren spirituellen Entwicklung des Menschen angemaßt, in denen sie keine Kompetenz besitze. - Die Entwicklung des Menschen schreite – individuell und kollektiv – in Stufen voran. Nach dem magischen und mythischen prärationalen Denken, welches heute weitgehend vom wissenschaftlich-rationalen Denken abgelöst worden sei, bräche der Mensch nunmehr ins post-rationale Bewußtsein auf (welches von vielen mit dem Prä-Rationalen verwechselt werde), in den Bereich der Mystik, dem direkten Kontakt und der Vereinigung mit dem Numinosen, der sich generell in vier Stufen vollziehe: der Naturmystik, wie sie uns vor allem von unseren Dichtern in ekstatischen Schilderungen nahegebracht werde, der Gottheitsmystik, die mit intensiven Erfahrungen von göttlichen Gestalten des jeweiligen Kulturkreises verbunden sein soll (z. B. Jesus, Maria, Krishna oder Buddha), der formlosen oder kausalen Mystik und der nicht-dualen Mystik. Die Erfahrungen vor allem in den letzten beiden Bereichen könnten mit Worten kaum noch anschaulich  beschrieben werden, seien aber mit grenzenlosen Erweiterungen des Ich-Erlebens verbunden – oder besser formuliert: Mit dem Aufgehen des Ichs im All-Einen und entsprechenden Glücksgefühlen nach Auflösung der vorherigen – nur scheinbar vorhandenen –Getrenntheit. Es besteht  in einschlägigen Kreisen Einigkeit darüber, daß vor allem diese höchsten Stufen der Mystik, des umfassenden All-Einheits-Bewußtseins, mit den Vorstellungen dogmatischer religiöser Eiferer – welcher Religion auch immer - unvereinbar sind.


War etwas vor dem Urknall?
Zwei Punkte sind es vornehmlich, die viele Menschen die Frage, ob da was vor dem Urknall war, mit: „Ich glaub´ nich!´“ beantworten lassen (und damit auch zur Ablehnung jedweder mystischen Erfahrungsmöglichkeiten führen):
Einmal der Mißmut über das Elend in der Welt. „Wenn ein allmächtiger und grenzenlos gütiger Gott existierte, wie könnte er dann all diese Mißstände zulassen?“ lautet der Gedankengang, in der theologischen Diskussion auch als Problem der Theodizee, der Rechtfertigung Gottes, bekannt.
Zum anderen der Argwohn: Wenn da jemand Größeres über mir ist, will er irgendwas von mir und ich laß mir nicht gern sagen, was ich zu tun und zu lassen habe. 


Beide Argumente sind gut nachvollziehbar und bedenkenswert.

 
Bei näherer Betrachtung erkennt man allerdings auch, wie sie aufeinander einwirken - und sich möglicherweise ausschließen: Eine göttliche Beendigung der weltlichen Mißstände scheint nur möglich durch Beschneidung der menschlichen Handlungsfreiheiten und Wahlmöglichkeiten. Das Ertragen der mißlichen menschlichen Existenz  wiederum ließe sich versüßen durch die Annahme eines weit facettenreicheren und längeren positiv eingefärbten Daseins danach (dessen angenehme Befindlichkeitsänderungen durch diverse Praktiken schon im Diesseits spürbar werden könnten). Hier neigt der Mensch eher zu kurzatmiger Betrachtungsweise, ähnlich dem Kind, daß sich mit dem Hammer auf den Finger haut und im selben schmerzvollen Augenblick für positive, aber erst mittelfristig eintretende Erlebnisinhalte (die Fahrt an die Nordsee in vier Wochen) nicht zugänglich ist. Es ließe sich daher die Gleichung bilden: a verhält sich zu b wie c zu x, nämlich schmerzender Finger zu Nordseeurlaub wie durchwachsenes (oder auch durchweg leidvolles) Erdendasein zu x.
Falls ein Mensch noch ergebnisoffen an die Theodizee-Frage „Warum läßt Gott es zu?“ herangeht, sich also noch nicht eine abschließende Meinung über die Nicht-Existenz eines höheren Wesens gebildet hat, so scheint diese Frage eine der wesentlichsten im Leben eines Menschen überhaupt zu sein. Anlaß genug, einmal den Schriftsteller Gustav Meyrink zu zitieren, der dazu folgendes argumentatives Szenario gebildet hat:


„Oft bin ich auf Erden mit Menschen zusammengetroffen, die, in Elend, Jammer und Not geraten, sich bitter über die Ungerechtigkeit des Schicksals beklagten. ...Ich stellte ihnen ... die Frage: „Würdest du das Kreuz auf dich nehmen, heute nacht zu träumen, so deutlich, als sei es Wirklichkeit, daß du tausend Jahre beispielloser Armut durchlebst, wenn ich dir jetzt die Gewißheit gäbe, du fändest als Belohnung dafür am nächsten Morgen beim Erwachen einen Sack voll Gold vor deiner Tür?“„Ja, natürlich!“ – so lautete jedesmal die Antwort. „Dann beklag dich nicht über dein Schicksal! – Weißt du denn, ob du diesen, wenn´s hochkommt nur siebzigjährigen qualvollen Traum, Erdenleben genannt, nicht selbst gewählt hast in der Hoffnung, etwas weit Herrlicheres als einen Sack schäbigen Goldes beim Erwachen zu finden?“Meyrink, G.: Der weiße Dominikaner, 1921 (Seite 51 und 52).


Vielleicht lohnt es sich, einmal längere Zeit diese Sichtweise auf sich wirken zu lassen.


Der Gedanke mag provokant wirken, sei aber dennoch geäußert: Vielleicht hängt ja die Fähigkeit, ein höheres erstes Ur-Phänomen als Möglichkeit in Betracht zu ziehen und später nach gründlicher Prüfung anzuerkennen, davon ab, ob man die eigenen Beobachtungen und Schlußfolgerungen in die richtige Reihenfolge bringt - oder eben nicht. Besteht da nicht eine Parallele zum Schach? Setzen wir uns folgende Stellung aufs Brett:


Weiß: Kh1, De1, Ta1, Tf1, Lh8, Sc4, Ba2, b4, c3, g2, h2.

Schwarz:  Kc8, De7, Td3, La7, Lc6, Se4, Ba6, b7, c7, f7, g4, h5.

Schwarz zieht und gewinnt forciert in wenigen Zügen.(Auflösung am Textende)


Nur wer sich innerlich keine Denkverbote auferlegt und seine Beobachtungen in die geeignete, optimale Reihenfolge sortiert, wird auf die richtige Zugfolge und damit  auf das maximal Erreichbare (schnelles Matt statt bloßer Stellungsverbesserung) kommen !
Wenden wir diese Einsicht auf „die letzten Dinge“ an, so ergibt sich: Gesetzt den Fall, es gäbe einen Urgrund allen Seins, von dem alles abhinge und mit dem der  Mensch durch bestimmte Techniken erneut in Kontakt treten könne, so hinderten Negativerlebnisse aller Art den Menschen daran, ein solches Urprinzip für möglich und sinnvoll zu halten. Ebenso hinderte ihn sein implantiertes Ego, sein scheinbar vom Rest der Welt abgetrenntes Ich, zunächst daran, sich höheren Einsichten zu öffnen und am Ende eine Rückbindung zum Urgrund zu erreichen, der alle Probleme als Illusion, als Maya auswiese. Änderte man jedoch seine Grundannahme und setzte erst einmal einen Urgrund allen Seins voraus, so wäre man in der Lage, nach und nach eigene Anstrengungen zur Rückbindung mit dem Urgrund zu unternehmen – eine Änderung der Grundannahme führte zur richtigen Reihenfolge in der Bewertung - wie bei einer  Schachkombination! (Natürlich beweist das Beispiel der Schachkombination keinesfalls die Existenz eines Urprinzips, es zeigt lediglich den Mechanismus, warum Erkenntnishindernisse bestehen könnten, falls es ein solches Urprinzip gäbe!)


Wie auch immer: jedem Menschen steht es frei, im Wege von Meditation oder Ähnlichem eigene Experimente der Selbsterfahrung zu unternehmen, die wissenschaftliche Anforderungen nicht zu scheuen brauchen: nämlich ausprobieren und die Forschungsergebnisse einem Kreis bereits anerkannter Experten (zum Beispiel  Zen- oder anderen Meistern) vorlegen, die die Echtheit und Stimmigkeit der Ergebnisse beurteilen können – ein Verfahren, welches im Bereich der Mathematik – einer anerkannten Wissenschaftsdisziplin! -, wo die Stichhaltigkeit von Theorien oft nur von einer Handvoll Berufener beurteilt werden können, nicht anders abläuft - ein Umstand auf den zum Beispiel Ken Wilber, der Kartograf des menschlichen Bewußtseins, mehrfach hingewiesen hat.


Niemand verlangt eine sofortige Buße, Abkehr und Umkehr nach dem Vorbild emotional aufgestachelter und aufgepeitschter Zuhörer, die unter lauten Selbstanklagen mit dem Scheckbuch in der Hand („zu gütig, künftiger Mitbruder im Herrn, aber wir nehmen leider nur Bargeld!“) auf den Knien auf den evangelikalen Erweckungsprediger zurutschen im billigst angemieteten Großraumzelt (um die Benzinkosten für den Lear-Jet wieder reinzubekommen), während ihnen die Sägespäne auf dem Zeltboden die Hosenbeine durchscheuern; nein, das kann keine dauerhafte Meinungsänderung bewirken; seriöse Einladung zum Nachdenken setzt auf Nachhaltigkeit und bewirkt allenfalls eine gewisse Irritation des Zuhörers oder Lesers, die irgendwann einmal – vielleicht - im Verbund mit weiteren Anregungen ähnlicher Art auf fruchtbaren geistigen Boden fallen könnte.

Zum „Exkurs Urknall“: Am Anfang war der Urknall, davor war ... Nichts? Vielleicht lohnt es sich, bei dieser Frage noch ein paar Minuten zu verweilen, sich vielleicht sogar statt dem 974sten ARD-Tatort kurz dem kosmischen „Who done it“ (Wer hat es geschaffen und wenn ja: warum?) zuzuwenden - sich gar zu fragen, ob man statt der mutmaßlich gebuchten postmortalen Billigversion mit sehr geringem Erlebnisfaktor nicht doch dazu auserkoren ist,  zwischen Diesseits und Jenseits pendelnd ständig neue Erfahrungen zu machen und sich weiter zu entwickeln um dann in 500 Millionen Jahren eine eigene Galaxie zu verwalten, wie es zum Beispiel Rudolf Steiner (als ein Jenseits-Szenarist unter vielen) verkündet hat. Hier scheinen sich übrigens östlich und westlich geprägte Jenseitsvorstellungen zu unterscheiden: während jedenfalls die buddhistisch -östlichen als Endziel ein Verlöschen, ein Aufgehen im Nirwana propagieren (sofern die Betreffenden nicht den Weg des Boddhisattva wählen, welcher weiter als Helfer für die Menschheit tätig bleibt), scheinen die westlichen esoterischen Jenseitsvorstellungen ein wenig von der protestantischen Arbeitsethik beeinflußt zu sein mit ständigem Kompetenzzuwachs und Tätigsein ohne Ende: so ein Unversum regiert sich eben nicht von alleine! Die Galaxieverwaltung und Regentschaft in 500 Millionen Jahren gemäß Rudolf Steiner (s.o.) aber erst nach entsprechend gründlicher Ausbildung und Eignungsprüfung, versteht sich! Bitte drängt Sie nicht Euren Jobcenter-Berater oder sonstigen Vermittler wegen euch vorgeblich zustehender Fördermittel, er hat derzeit noch keine Formulare vorliegen).


Abschließende Einschätzung: Die Thesen von Gustave Gris vom Vorabend des Rosenmontags bei Somborn 64 mögen provokant erscheinen und Erstaunen hervorrufen, sind m. E. aber durchaus nachvollziehbar und begründbar - ohne dass sich irgendjemand zu deren kritikloser Übernahme genötigt fühlen sollte. Die Strukturelemente des Schachspiels belegen dabei nicht die Existenz von „Übernatürlichem“, dagegen könnte eine arbeitshypothesenhafte Grundannahme von eben diesem „Übernatürlichem“ dazu beitragen, unter anderem die positive Gestimmtheit  der Spieler und deren Spiel(an)trieb besser zu verstehen.


Schluß-Anekdote: Nachhaltige Bewußtseinsveränderung durch Selbsterfahrung entzieht sich in der Regel dem Verständnis des an rein formaler Logik ausgerichtetem Rationalisten. Als Beispiel: Im Bereich des Zen könnte eine solche Überprüfung einer signifikanten Bewußtseinserweiterung – sehr überspitzt und satirisch umgestaltet! - etwa so aussehen:


Koan des Meisters: Wie klingt das Klatschen einer einzigen Hand?

Antwort des Schülers, nach vier Monaten des Sitzens und Meditierens:Ein Eichhörnchen in der Abendsonne auf dem Rande des Dorfbrunnens, sich mit dem linken Hinterfuß am Ohr kratzend!

Meister: Falsch. Geh zurück und sitze!


Zweite Antwort des Schülers, nach weiteren vier Monaten Sitzen und Meditierens: Ein Eichhörnchen in der Abendsonne auf dem Rande des Dorfbrunnens, sich mit dem rechten Hinterfuß am Ohr kratzend?


Meister: Du hast es.


Bleibt zum Schluß noch der Hinweis auf das Stadtwappen von Eckernförde (vgl wikipedia), dem letzten Wohnsitz des Grafen von St. Germain: ein Stadt-Tor, mit einem Eichhörnchen oben drauf. So schließt sich auch dieser Kreis - für den geneigten Leser – und es sei abschließend und zum zweiten Mal Christian Morgenstern zitiert: Dies ist das Tor, durch das ich eingetreten/Und alle Dinge wie verwandelt schaue ...


Literatur zum Weiterlesen:

Bausenwein, Christoph: Geheimnis Fußball, 2006 (1. Neuauflage)

Buitendijk, F. : Wesen und Sinn des Spiels, 1933

Hesse, Hermann: Das Glasperlenspiel, 1943

Huizinga, Johann: Homo ludens, 1940

Junk, Werner.: Philosophie des Schachs, 1918

Kujawa, G.:  Ursprung und Sinn des Spiels, 1940

Siebert, Fritz:

Philosophie des Schachs, Bd.1: Vom Wesen und  Ursprung des Schachs, 1975

Schopenhauer, Artur: Die Welt als Wille und Vorstellung, 1844

Sri Aurobindo:  Das göttliche Leben, 3 Bände, ca. 1914-1920

Wilber, Ken.: 

Eine kurze Geschichte des Kosmos, 1996; Einfach Das (Tagebuch) 1999;   Eros, Kosmos, Logos, 1995             

 

Nachtrag: Wer Symbolik liebt, der schiebt ... seine Klötzchen mit einem anderen, vielleicht geschärften Bewußtsein über´s Brett: dies könnte der Wahlspruch von Gris sein, den er seinen Zuhörern und uns Lesern mit der fast überbordenden Fülle von Gedanken und Bezugnahmen übermitteln zu wollen scheint – und damit zunächst im krassen Gegensatz zu solchen Mitbürgern steht, die sich beim Schach der „Isolationstheorie“ von Werner Junk verschrieben haben: Statt „Chess is life“, ein Bonmot, das Bobby Fischer zugeschrieben wird, ist der Wahlspruch dieser mehr bodenständigen Kreaturen „Chess is (just) chess“ (Und mehr nich. Basta!). Vielleicht singen sie ihr Credo sogar vor jedem Spielabend bei der Anfahrt heimlich im Auto zu den Klängen der Hymne der Austria-Band „Opus“ von 1984: „Live is Life“), zu finden auf YouTube.
Über-setzt man übrigens deren Songtext ins Deutsche und er-setzt man Live/Life durch Schach, ja dann ... Haben wir an dieser Stelle noch die Zeit, den so entstehenden Text  in voller Länge abzudrucken? Wir nehmen sie uns einfach!


Schach Nanananana Nanananana (alle zusammen jetzt)

Nanananana Nanananana

Schach (nanananana) Schach ist Schach (nanananana)  

Labadab dab dab Schach (nanananana) 

Schahahach (nanananana)
Wenn wir alle die Kraft geben – wir alle das Beste geben 

Jede Minute der Stunde – Denk nicht an das Übrige   

Und ihr alle bekommt die Kraft – ihr alle bekommt das Beste

Wenn jeder alles bekommt – Und jedes Lied jeder singt

Und es ist Schach (nanananana)   

Schach ist Schach (nanananana)      

Schach ist Schach (nanananana)

Labadab dab dab Schach (nanananana)

Schach ist Schach, wenn wir alle die Kraft fühlen 

Schach ist Schach, komm schon, steh auf und tanze  

Schach ist Schach, wenn das Gefühl der Leute  

Schach ist Schach, das Gefühl der Band ist

Wenn wir alle die Kraft geben – wir alle das Beste geben 

Jede Minute der Stunde – Denk nicht an das Übrige    

Dann bekommt ihr alle die Kraft – ihr alle bekommt das Beste

Wenn jeder alles bekommt – Und jedes Lied jeder singt

Und es ist Schach (nanananana)      

Schach ist Schach (nanananana) Schach (nanananana) 

Labadab dab dab Schach (nanananana)

Schach (nanananana)(nanananana)(nanananana)(nanananana)

Schach (nanananana) Schach ist Schach (nanananana) 

Schach ist Schach (nanananana)  

Labadab dab dab Schach (nanananana)


Und du rufst, wenn es vorbei ist – du rufst, es soll andauern   

Jede Minute der Zukunft – Ist eine Erinnerung der Vergangenheit

Denn wir alle gaben die Kraft – Wir alle gaben das Beste  

Und jeder gab alles – Und jedes Lied jeder sang    

Schach ist Schach

 

Eine Adaption von:

Live is Life – Original-Text und Musik von Opus:  Ewald Pfleger, Kurt Rene Plisnier, Gunter Grasmuck, Niki Gruber und Herwig Rüdisser                                           

Übersetzung des Opus-Originals ins Deutsche: Harald Havas

Hervorhebungen in der Adaption von Richard Yéti


Nun gut. Soviel also zur Isolationstheorie und dem Opus von Opus.

 


Ich – Richard Yeti - verweise dagegen lieber auf den von Gurdjieff inspirierten Pianisten Keith Jarrett, weiter oben bereits erwähnt, und dessen Stück „The Fire within“ ( Keith Jarrett at the Blue Note, Disc 4, Part 5  Auf YouTube: Version blaues Cover, Gesamtlänge 27:08 min) mit dem äußerst ruhigen, aber zur Einstimmung unverzichtbaren vorausgehenden Jazz-Standard „I fall in love too easily“, dem sich ab Minute 5:33 entwickelnden neuen Motiv, dieses wiederum abgelöst ab Minute 17:02 mit einem neuen Thema, perlend dahinplätschernd in genialer Leichtigkeit. Hier gilt, was Fritz Siebert schreibt in seiner „Philosophie des Schachs“ auf Seite 135:

"Und das Feuer des Atman, siehe, es leuchtet auch uns“.

 


Diagramm/ Auflösung des Vierzügers:1... Sg3+ 2. Bh2 x g3 Dh4+ 3. Bg3 x h4 Th3++.


ENDE

 

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